„Verhandlungen werden verzögert, verlaufen im Sande und haben seitdem noch nie zu greifbaren Ergebnissen geführt“, Interview zum ehemaligen Besetzen Haus Erfurt

Am 16. April diesen Jahres jährte sich die Räumung des Besetzen Hauses in Erfurt mittlerweile zum sechsten Mal. Acht Jahre lang hielt die Besetzung und stellte das Zentrum der linken Szene in Erfurt, wenn nicht sogar in Thüringen dar. Und seit dem Ende jener Besetzung konnte sich kein vergleichbares Projekt im Freistaat etablieren, was wohl aus verschiedenen Gründen resultierte. Wir sprachen mit zwei ehemaligen BesetzerInnen über den Tag der Räumung vor knapp 6 Jahren, thematisieren die historische Bedeutung des Ortes und reden mit ihnen über die Jahre nach der Räumung.

Anmerkungen unserer InterviewpartnerInnen:

Wir haben die Fragen zu zweit beantwortet. Wir waren beide Teil der Besetzung auf dem ehemaligen Topf & Söhne-Gelände – die Frage zur Räumung wurde nur von einer Person beantwortet, weil nur die dabei war. Unsere Antworten geben nur die Meinung von uns beiden wieder und stehen natürlich nicht für alle der ehemaligen Besetzer_innen und auch nicht für alle, die sich momentan oder in den letzten Jahren für ein selbstverwaltetes Zentrum in Erfurt einsetzen.

Am 12. April habt ihr das Gelände der ehemaligen Firma “Topf & Söhne” besetzt. An jenem Ort produzierten die Deutschen im Nationalsozialismus unter anderem Verbrennungsöfen für Auschwitz, Buchenwald und andere KZ’s. War der Ort damals bewusst gewählt wurden und wie kam es eigentlich dazu? Was war euer Ziel?

Im Jahr 2001, als die Besetzung stattfand, gab es schon seit mehreren Jahren keine selbstverwalteten linken Räume in Erfurt. Mehrere Versuche, Häuser zu besetzen, wurden von der Polizei geräumt und auch längere Verhandlungen mit der Stadt hatten sich als fruchtlos erwiesen. Deshalb wurde ein Gelände mit möglichst unklaren Besitzverhältnissen gesucht, welches auch nicht so leicht zu räumen sein sollte. Das alles traf auf das riesige ehemalige Topf & Söhne-Gelände zu, welches schon seit ca. 5 Jahren leer stand. Zwar wurde die Geschichte des Geländes zu diesem Zeitpunkt in Erfurt kaum thematisiert, allerdings war sie einigen Leuten aus der Besetzer_innengruppe bekannt, da sie sich mit linker Geschichtspolitik beschäftigten.

Also wurde die Frage, ob eine Besetzung auf einem solchen Gelände vertretbar und sinnvoll wäre diskutiert. Letzten Endes entschieden wir, dass es auf einem Ort der Täter – im Gegensatz zu Gedenkorten, wie z.B. ehemaligen Konzentrationslagern – möglich ist zu wohnen, feiern und Politik zu machen. Das schloss aber die Auseinandersetzung und den Umgang mit der Geschichte als wichtigen Teil der Besetzung ein. Der Ort wurde also nicht wegen seiner Geschichte ausgewählt, es wurde aber von Anfang an zu einem wichtigen Ziel der Besetzung, die Beteiligung von Topf & Söhne am Holocaust zu thematisieren.

Die BesetzerInnen organisierten Rundgänge und Informationsveranstaltungen, die das Ziel hatten, sich mit der Aufarbeitung der Vergangenheit zu beschäftigen. Wie groß war das damalige Interesse an diesen Veranstaltungen? Wie sieht die Aufarbeitung der Vergangenheit diesbezüglich heute aus?

Wie schon erwähnt wurde die Geschichte der Firma zu dieser Zeit in Erfurt nicht von offizieller Seite thematisiert. Es gab allerdings schon seit Ende der 90er Jahre den Förderkreis „Geschichtsort Topf & Söhne“, der Veranstaltungen zum Thema organisierte und auch Führungen über das Gelände durchführte – oder auch Anfragen zu Rundgängen an uns weiterleitete.

Die Rundgänge gab es auf Anfrage oder zu festen Terminen, die dann öffentlich beworben wurden. Die festen Termine fanden oft anlässlich größerer Veranstaltungen im besetzten Haus statt und waren meist, mit über 30 Leuten gut besucht. Neben dem üblichen antifaschistischen Publikum waren häufig auch Leute aus der Nachbarschaft, oder ehemalige Mitarbeiter_innen des Nachfolgebetriebs von Topf & Söhne anwesend, was zu interessanten Diskussionen und Denkanstößen führte. Es gab also durchaus Interesse von den Erfurter_innen, aber nicht von der offiziellen Stadtpolitik, die den Ort am liebsten totgeschwiegen hätte, um das Image Erfurts nicht zu gefährden. Als Kontrast dazu, zeigten sich Besucher_innen aus dem Ausland oft entsetzt über den Verfall des Geländes und das Desinteresse der Stadt.

Ebenso wie der Förderkreis „Geschichtsort Topf & Söhne“ forderten auch wir einen Geschichtsort auf dem Gelände. Es dauerte bis Mitte des letzten Jahrzehnts bis ein Umdenken aufgrund des gewachsenen Drucks in der Stadtpolitik stattfand. Dazu beigetragen hatten die jahrelange Arbeit des Förderkreises und auch der Besetzer_innen, die das Thema immer wieder in der Öffentlichkeit präsent hielt. Sehr wahrscheinlich hängt der Wandel der Position der Stadt, auch mit dem sich ändernden Umgang mit der NS-Geschichte in Deutschland allgemein zusammen, der die Auseinandersetzung mit den negativen Seiten der deutschen Vergangenheit als Chance begreift, sich moralisch besserzustellen.

Nach der Räumung entstand im ehemaligen Verwaltungsgebäude der Firma auf zwei Etagen der „Erinnerungsort Topf & Söhne“ der Stadt Erfurt, der von einer Mitstreiterin des Förderkreises geleitet wird. Dort wird neben diversen Veranstaltungen vor allem die Ausstellung „Techniker der Endlösung“ gezeigt. Als offizieller Geschichtsort erreicht diese aber sicher ein anderes Publikum als die inoffiziellen Führungen über das ehemalige brachliegende Gelände. Neben dem Geschichtsort befinden sich heute Einkaufsmärkte, Parkplätze und Eigentumswohnungen auf dem Gelände – der Großteil dieses geschichtsträchtigen Geländes ist damit also der Verwertung preisgegeben.


Das Besetzte Haus wurde direkt nach der Räumung zerstört

Neben der politischen Arbeit, die im Haus stattfanden, gab es auch unzählige kulturelle Angebote. Was ist in den 8 Jahren alles so in dieser Hinsicht gelaufen?

Ein Großteil dessen waren Konzerte, mehrere Hundert kamen in den 8 Jahren sicherlich zusammen. Hervorzuheben, waren die jährlich im April stattfindenden Festivals, die auch meist am besten besucht waren und einen Mix aus Musik, politischen Inhalten und Feiern darstellten. Musikalisch war von Punk/Hardcore bis zu den diversen Spielarten der elektronischen Musik alles dabei. Für letzteres gab es meist auch spezielle Partycrews, die Veranstaltungsreihen organisierten. Da jetzt irgendwelche Konzerte oder Partys hervorzuheben sparen wir uns an dieser Stelle – vor allem weil ein Konzert mit 15 Leuten einer völlig unbekannten Band manchmal spaßiger sein kann, als eins mit 600 Leuten und einer gehypeten Szenegröße auf der Bühne.

Neben den Partys fanden verschiedenste Infoveranstaltungen, Workshops und Diskussionen statt – um den Begriff des „kulturellen Angebots“ mal ein wenig auszudehnen. Dies entsprach auch dem Anspruch der Besetzer_innen die Gesellschaftskritik mit der Party zu verbinden. Außerdem gab es ein Kino, Küche für Alle, einen Umsonstladen, Proberäume und weiteres mehr.

Du kannst dich sicherlich noch gut an die Räumung vor 6 Jahren erinnern. Was ging dir damals durch den Kopf? Wie denkst du heute darüber?

Wir hatten im Plenum beschlossen, dass wir uns von keiner Form des Widerstands zur Räumung distanzieren. Schon Wochen vor der Räumung hatten wir begonnen, Barrikaden zu bauen und alles zu sichern. Als dann eines Morgens die Info kam, dass sich mehrere Polizeiwannen in Richtung Haus aufmachten, zog ich mich in die Küche zurück, wo ich mit anderen zum widerständischen Frühstück verabredet hatte. Durch die Fenster konnte ich beobachten, wie sich von zwei Hubschraubern Polizisten abseilten. Ich hörte Scheiben klirren und Menschen schreien. Vielleicht war ich im Vorfeld etwas naiv, aber ich habe nicht mit solch einem Polizeieinsatz gerechnet. Dennoch ging ich nicht davon aus, dass mir schlimmes passieren würde, um die Leute draußen auf dem Dach und in der Sitzblockade machte ich mir mehr Sorgen. Über den militärischen Charakter der Räumung waren wir damals alle entsetzt und die Vehemenz, mit der die Polizei vorging, finde ich heute noch erschreckend.


Bewaffnete Cops bei der Räumung

Ein paar Monate nach der Räumung wurde die Kampagne “Hände hoch” gestartet und somit die Forderung nach einem neuem Autonomen Zentrum laut. Wir würden an dieser mal behaupten, dass die Kampagne ihr Ziel nicht erreicht hat, denn ein neues Autonomes Zentrum gibt es bis heute nicht und die Hausbesetzerszene wirkt aktuell etwas eingeschlafen. Wie schätzt du die aktuelle Lage ein. Wie nötig ist ein solches Projekt und der Kampf einen Stützpunkt wie das Besetzte Haus?

Die Kampagne hieß „Hände hoch, Haus her“, was die eigentliche Forderung doch nochmal besser rüberbringt und lief von 2009 bis ungefähr 2011 und hat ihr Ziel – ein selbstverwaltetes Zentrum in Erfurt – trotz vieler Aktionen und Besetzungen offensichtlich nicht erreicht. Dazu hat sicherlich die zunehmende Frustration aller Beteiligten beigetragen: Diese wurde vor allem bestärkt durch die Steine, die uns von offizieller Seite in den Weg gelegt wurden.

Seit dem Ende der Kampagne ist die Forderung nach selbstverwalteten linken Räumen nicht mehr so präsent. Die Gründe dafür sind ziemlich vielfältig und wir fühlen uns gerade nicht in der Lage, die diversen Positionen, die dazu in der Erfurter linken Szene existieren, darzustellen. Auffällig ist, dass durchaus Einigkeit über die Notwendigkeit eines solchen Zentrums herrscht, trotzdem kommt ein gemeinsames Handeln derzeit leider nicht zu Stande.

Allerdings gibt es beispielsweise einen Wagenplatz, das veto, eine Stadtkommune und mehrere Wohnprojekte – teilweise sind die Projekte Ergebnisse der Bemühungen um eigene Räume, wobei diese eben nicht den Charakter eines Stützpunktes haben.

Im Laufe der letzten Jahre gab es immer wieder Besetzungsversuche. Sei es das alte Keglerheim oder auch das alte Schauspielhaus am 1. Mai 2013. Damals fandet ihr es “überdrüssig, am 1. Mai irgendwelchen Nazigrüppchen hinterher zu jagen”. Es sollten eigene Akzente gesetzt werden. Warum hielten die Besetzungen nicht stand?

Die Gründe für das Nicht-Standhalten der Besetzungen waren unterschiedlich: Nach der Räumung des besetzten Hauses war die Besetzung des alten Keglerheims der erste ernsthafte Versuch zur Erkämpfung eines sozialen Zentrums. Diese wurde am gleichen Tag auf Anlass des Eigentümers von der Polizei geräumt – das Haus verfällt übrigens bis heute weiter.

Das ehemalige Schauspielhaus wurde von den Besetzer_innen am Abend des ersten Mai 2013 freiwillig verlassen, weil es ein Gesprächsangebot der Stadt gab. Diese Verhandlungen sind aber bis heute erfolglos verlaufen. Hierbei lässt sich seit Ende der 90er Jahre eine Kontinuität seitens der Stadt erkennen – Verhandlungen werden verzögert, verlaufen im Sande und haben seitdem noch nie zu greifbaren Ergebnissen geführt.

Zu dem Zitat können und wollen wir als Einzelpersonen eher nichts sagen – da müsstet ihr die Besetzer_innengruppe vom 1. Mai fragen. Die Besetzer_innenszene ist vielfältig und Antifaschismus und Hausbesetzungen sollten sich auch bestimmt nicht im Wege stehen. All jenen, die an dem Tag Nazigrüppchen hinterhergelaufen sind, hat es sicher genutzt, dass einige Polizisten bei der Hausbesetzung im Einsatz waren.


Hausbesetzung in Erfurt am 1. Mai 2013

Nicht in Erfurt, sondern in Ilmenau und Jena kam es im letzten Jahr zu Besetzungsversuchen, die ebenfalls scheiterten. Ist die Zeit der Hausbesetzungen vorbei und müssen neue Konzepte sowie Praktiken her, um heute neue (Frei-)Räume zu schaffen?

Schon die Besetzung des Topf & Söhne-Geländes zeigt, welche Bedingungen für die Aufrechterhaltung einer Besetzung heutzutage scheinbar Voraussetzung sind: Eine unklare Rechtslage und Eigentümer_innen, die aus welchen Gründen auch immer, den Zugriff auf ihre Immobilie nicht mit rechtsstaatlichen Mitteln durchsetzen wollen oder können. Deutschlandweit betrachtet gibt es kaum noch bestehende Hausbesetzungen, die meisten Projekte sind seit Jahren legalisiert. In Städten, die keine Zero-Tolerance Politik durchsetzen, sind Besetzungen durchaus auch weiterhin ein probates Mittel um ein Projekt zu erkämpfen, welches anschließend meist legalisiert wird.

Momentan setzt der Staat die Besitzansprüche von Eigentümer_innen konsequent durch – wohl auch weil die Hausbesetzer_innenszene dem (außer in einigen Großstädten) wenig entgegensetzen kann. Es fehlt an Masse, Öffentlichkeit und Bündnisparter_innen – insgesamt eine eher ernüchternde Einschätzung. Die „neuen Konzepte“ sind dagegen auch meist nur Notlösungen. Ein Projekt zu kaufen, zu mieten oder von offizieller Seite gestellt zu bekommen ist genauso wenig ein Garant für ein aktives selbstverwaltetes Zentrum, wie die illegale Aneignung von Immobilien. Bei all der Suche nach Konzepten zur Erkämpfung von Projekten sollte nicht vergessen werden, dass diese nicht nur Selbstzweck sind, sondern auch Raum für eine wirksame Gesellschaftskritik bieten sollen.

Siehst du eine Perspektive wie es in Thüringen und speziell in Erfurt um einen weiteren Kampf für Häuser und selbstverwaltete Projekte aussieht?

Vieles dazu haben wir schon in den vorherigen Fragen gesagt. Es gibt ja einige aktive selbstverwaltete Projekte in Thüringen, dort passiert sicherlich momentan mehr als in Erfurt.

Die Landeshauptstadt ist eben keine der oben erwähnten Großstädte. Mit mehr Leuten, die entschlossen sind und nicht darauf warten, dass die Stadt ihnen eine Immobilie überlässt oder andere sich schon darum kümmern werden, wäre es selbstverständlich möglich Häuser zu erkämpfen. Das kann natürlich auch gern als Selbstkritik verstanden werden.

Wir bedanken uns für die äußert aufschlussreichen Antworten und wünschen euch und allen anderen Menschen, die sich für selbstverwaltete Freiräume einsetzen viel Kraft und Erfolg. Unseren Support habt ihr!