Debattenbeitrag: Das Grauen mit der Grauzone – Ein Versuch

Seit einigen Jahren gibt es eine Diskussion um die sogenannte Grauzone, die im Internet, in AZs und in diversen Kneipen wohl recht häufig geführt wurde und immer noch aktuell ist. Es geht dabei oftmals um Bands oder Einzelpersonen, die nun mehr oder weniger mit Neonazis oder menschenverachtenden Einstellungen sympathisieren oder diese zumindest tolerieren. Es gibt diverse Ansätze diese Diskussion zu führen. Die Erstveröffentlichung des Textes fand in der Alerta Südthüringen statt.

Mittlerweile dürfte wohl jeder, der sich mit Punkrock beschäftigt hat, schon mal über den Oireszene-Blog gestolpert sein oder auf einem Konzert bzw. Festival gewesen sein, auf dem mindestens eine Person mit Krawallbrüder-Merch oder ähnlichem Rotz herum gelaufen ist. Während noch in den 80er und 90er Jahren die Diskussion vor allem im Bereich der Skinheadszene eine äußerst positive Entwicklung genommen hat und viele Skinheads sich gegen Neonazis und Rassismus in der SHARP-Bewegung (Skinheads against racial prejudices) oder bei den RASH (Red and Anarchist Skinheads) organisierten, nahm dies mit dem Schwinden der Boneheads ab. Mittlerweile gibt es kaum noch solche Gruppierungen und sie machen nur noch einen kleinen Teil der Skinheadbewegung, zumindest in Deutschland, aus. Mit der Veränderung in den Subkulturen änderte sich auch der Umgang mit Neonazis und menschenverachtenden Einstellungen. Wenn noch, wie vor einigen Jahren auf dem Force Attack, Krawallbrüder auftreten und die johlende Menge „Ein Baum, ein Strick, ein Antifa-Genick“ rufen konnte und auf dem Festival sexuelle Übergriffe auf Frauen keine Seltenheit waren, scheint mächtig was schief gegangen zu sein.

Eine weitere Diskussion kam im Sommer in Suhl auf. Einen ausführlichen Bericht gibt‘s auf Seite 21. Daraufhin entflammte eine längst überfällige Diskussion um die sogenannte Grauzone. Mittlerweile hat sich das Grüne Haus deutlich positioniert und schreibt bei jedem Konzert, dass es für Nazis, Grauzone und „besorgte Bürger“ keinen Einlass gibt. Das finden wir gut, dennoch stellen sich für uns ein paar Fragen. Was ist die Grauzone und im welchem Rahmen spielt sie sich ab? Wo fängt sie an und wo ist dabei die Grenze zu ziehen zwischen Grauzone und ganz klar Neonazi? Ergibt es Sinn diese Kategorien aufzumachen? Im Folgenden wollen wir eine Diskussionsgrundlage anbieten und versuchen die ganzen Hintergründe etwas genauer zu beleuchten und uns der Problematik und dem Begriff der „Grauzone“ anzunähern.

Oire Szene! Meine Szene! Keine Szene!

In der Auseinandersetzung mit der „Grauzone“ gibt es einige Internetseiten und Texte, die wir vorweg zu Rate ziehen wollen, um mal zu schauen, was in den letzten Jahren bis heute so die Grauzone sein soll. An der Stelle könnten wir uns natürlich auch mit den Statements diverser Bands zu den Vorwürfen, eine „Grauzonen-Band“ zu sein, beschäftigen. Jedoch halten wir das für eine Erklärung, was „Grauzone“ sein soll, für nicht sonderlich hilfreich, da es meistens der gleiche „Unity“-Müll oder Ausreden um das Image zu retten sind. Beschäftigen wir uns lieber einmal mit denen, über die am meisten diskutiert wurde und aktuell immer noch geredet wird.

Seit vielen Jahren schreibt der Blog oireszene.blogsport.de über Neonazis in der Musikszene, „Grauzone“ und andere Vorkommnisse und Diskussionen, die den subkulturellen Bereich von Punk, Oi, Ska, Metall und Hardcore betreffen. Auf dem Blog gibt es u.a. eine Rubrik mit dem Titel „Was ist eigentlich die Grauzone?“. Darunter steht ein Text, welcher wohl um 2008 herum auf dem Blog „Oi the Greyzone“ veröffentlicht wurde und an dieser Stelle dokumentiert ist. In diesem Text ist die Rede von einer „diffus-unpolitischen Grauzone“.[1] Diffus wohl deshalb, weil es durchaus unübersichtlich ist und es viele Überschneidungen gibt, über verschiedene Personenkreise, Szenen und was auch immer. Der Punkt der Diffusität wäre wohl recht zutreffend. Jedoch, und das wird im weiteren Teil des Textes noch Thema sein, ist die Kategorie „unpolitisch“ eher schwer zu verstehen und was „Grauzone“ nun bedeutet, ist schwer zu sagen. Doch die Autoren des Textes werden etwas gründlicher. So heißt es später, die Grauzone sei eine „Form der Toleranz gegenüber rechtsoffenen bis klar rechten KonzertbesucherInnen“. Doch da kommt ein Widerspruch vor, der auf den ersten Blick nicht aufzulösen ist. Denn wenn es so etwas wie Toleranz gegenüber rechtsoffenen bis klar rechten Konzertbesuchern gibt, dann setzt diese Toleranz ja voraus, dass es überhaupt erst ein nicht rechtsoffenes Publikum geben müsse. Es ist daher fraglich, ob Konzertbesucher bei Krawallbrüdern, die sich mit dem Männlichkeitsfetisch, Gewaltfantasien und Sexismus der Band identifizieren erst tolerant gegenüber rechtsoffenen Personen sein müssen, oder nicht eben das Problem wo anders liegt und zwar darin, dass die Aussage einer Szene, Band oder Gruppierung schon Ansätze und Nährboden für menschenverachtende Einstellungen bieten und ihnen jegliche Distanz dazu fehlt. Nicht das Publikum ist in solchen Fällen das Problem, sondern vielmehr der Szenehabitus und die Identifikation des gesamten Publikums damit.

Einer der Hauptkritikpunkte des Textes auf Oiresezene lautet: „Die damit einhergehende schleichende Akzeptanz gegenüber rechten Positionen und rechten Personen wird von der „unpolitischen“ Fraktion somit gefördert und/oder billigend in Kauf genommen, da es keine klare Abgrenzung gibt.“ Wobei sich auch hier wieder in gewisser Weise ein Widerspruch auftut. Zum einen gab es sicherlich mit dem Abflauen der SHARP und RASH eine „schleichende Akzeptanz“ in der Skinheadszene um die 2000er herum, mittlerweile ist das aber nicht mehr der Fall. „Schleichende Akzeptanz“ müsste voraussetzen, dass es aktuell eine breite Inakzeptanz gegenüber rechten Positionen geben müsse, was wir in einer zum Großteil unkritischen Punk- und Skinheadszene nicht erkennen können. Jedoch müssen wir an der Stelle zustimmen, dass eben jene Positionen akzeptiert, gefördert und in Kauf genommen werden, ob nun die fehlende Abgrenzung allein Schuld daran trägt, gilt es noch zu klären. Am Ende des Textes kommt noch eine Schlussfolgerung oder viel eher eine Forderung: „Es geht darum die klare Grenze wieder zu ziehen, die es einst gab und jede/r aus der Szene hat verdammt nochmal die Pflicht zu sagen auf welcher Seite er/sie steht.“ Ob eben jene klare Grenze überhaupt möglich ist, wenn es sich doch um etwas sehr diffuses bei der Grauzone handelt, bleibt fraglich. Ebenfalls wird es schwierig, sich von etwas abzugrenzen, was man selbst nur unzulänglich definieren kann. Der Text auf Oireszene gibt sicherlich einige gut gemeinte Ansätze, aber noch lange keine Antwort auf die Frage „Was ist eigentlich die Grauzone?“.

Es gibt eine ganze Reihe von Texten und Gruppen die sich an dieser Frage versucht haben, aber eine zufriedenstellende Antwort darauf nicht wirklich finden konnten. Im weiteren Teil des Textes wollen wir selbst versuchen uns dem Thema kritisch zu nähern.

Politik bleibt Politik bleibt Politik?

Vorweg, um mal vom Begriff der „Grauzone“ Abstand zu nehmen, ist im selben Kontext und Diskussionen oft die Rede von „unpolitisch“ oder „politisch“ und Oireszene schreibt gar von „apolitisch“. Um zu erfahren, was die Grauzone nun wirklich sein soll, ist es sicherlich nicht falsch sich über die Klärung von „unpolitisch, politisch und apolitisch“ dem Thema zu nähern. Als erstes vielleicht kurz was diese Kategorien für die bedeuten, die sie verwenden und leider allzu oft missverstehen.

Für die, die sich selbst ‚unpolitisch‘ in diesem Kontext betiteln, geht es in einer Subkultur darum, nicht „links oder rechts“ zu sein, sondern man(n) selbst zu sein und sich von niemanden was sagen lassen soll, bla bla bla. Für die ‚politischen‘ Gegner, ist jedoch alles politisch und somit auch die Subkultur, die von der Gesellschaft und Politik beeinflusst wird. Das Statement gegen Nazis zu sein, wird von einer wie der anderen Gruppe entweder als ‚politisch‘ oder ‚unpolitisch‘ bezeichnet, je nachdem an wen man gerade so gerät. Bei dieser Kategorisierung, sowohl bei denen, die behaupten, die Subkultur sei ‚unpolitisch‘, als auch bei denen, die sagen, es sei alles ‚politisch‘, stellt sich ein Problem heraus. Würde man uns, als Thüringenpunk fragen, ob wir unpolitisch sind, würden wir das ebenfalls mit ja beantworten, aber aus anderem Kontext. Um hier Verwirrungen zu vermeiden gilt es weiter auszuholen, denn was Politik ist und was nicht, würden wir anders definieren, als es bisher im Diskurs der Fall war.

Zum einen sehen wir es ähnlich wie es noch zu Anfängen der Punkbewegung war, wo Politik als Mittel der herrschenden Klassen verstanden wurde, die eigene Macht zu stärken. „Politik“ ist somit Ausdruck von Arbeit in Parteien, Gewerkschaften, Verbänden, die lediglich dazu dienen, die gegebenen Machtverhältnisse zu reproduzieren. Einen emanzipatorischen Ansatz können wir in der Begrifflichkeit „Politik“ somit nicht finden. Politik ist in diesem Sinne also immer etwas, was vom Staat ausgeht oder sich eben stark auf diesen bezieht. Dementsprechend ist das Parteiengefüge (egal welcher Couleur) in Regierung oder Opposition genau so Politik, wie es die Bürgerinitiative gegen Kohlewerke oder der Reformismus der Gewerkschaften zur Erhaltung von Ausbeutungsplätzen immer auch Politik ist. Da der Staat nun einmal in dieser Gesellschaft ein wesentlicher Teil dieser Ordnung ist, wird auch Politik zum Agieren in der Gesellschaft bzw. eher ein Agieren für die bestehende Gesellschaft. Denn der ständige Bezug der Politik auf den Staat geht mit Forderungen an ihn einher, sei es die Forderung nach dem Mindestlohn, die Forderung XY der Partei XY oder der Bürgerinitiative gegen Kohlewerke, all das kommt ohne den Staat und die Bittstellung an ihn nicht aus. Es ist nicht auszuschließen, dass eine solche Forderung an den Staat sinnvoll sein kann (ganz nebenbei ist der Mindestlohn zwar immer noch Ausbeutung und Unterdrückung macht aber die Arbeitsbedingungen einiger Arbeiter etwas besser). Schlicht gesagt ist Politik, ausgehend von einer sich als politisch und links verortenden Subkultur, der Versuch mittels Bittstellungen an den Staat sich von den Verhältnissen zu emanzipieren, ohne diese Verhältnisse zu hinterfragen oder überwinden zu wollen.

Konkret zeigt sich dieses Phänomen wenn von einem „Freiraum“ die Rede ist. Ein Raum abgespalten von den gesellschaftlichen Verhältnissen, obwohl diese Räume nicht losgelöst von Waren- und Tauschwert sind und ausgrenzendes Verhalten dort genau so reproduziert wird, wird es nicht geben. Punk (oder welche Subkultur auch immer) ist genau dann politisch wenn die sog. „Freiräume“ als Bittstellungen an Stadt und Staat vertraglich errungen werden, wenn sich dafür ein Verein gegründet hat oder eine Initiative für den Erhalt von alternativer Kultur etc. oder wenn sich Punk XY bei der Linksjugend Solid wiederfindet. Alles das kann, ausgenommen die Mitgliedschaft in der Linksjugend, auch sinnvoll sein. Die Zeit der massenhaften Hausbesetzungen ist vorbei und Räume für Punkkonzerte fallen nicht vom Himmel. An vielen Stellen, insbesondere in der Provinz braucht es Vereine und Initiativen, die notgedrungen Stadt und Staat als Unterstützung benötigen. Doch das entsteht aus der Notlage heraus, nicht über eigene Räume und die Stärke zu verfügen, sie selbst zu erhalten. Das mag zwar in Hamburg und Berlin klappen, aber in Suhl, Altenburg oder Nordhausen sieht das schon wieder ganz anders aus. Dennoch, obwohl hier Politik gemacht werden muss, ist es nichts weshalb man sich „politisch“ auf die Fahnen schreiben sollte, schon gar nicht, wenn man eine von Unterdrückung und Ausbeutung befreite Gesellschaft anstrebt.

Genau in diesem Sinne sind wir von Thüringenpunk auch nicht „politisch“, da wir zum einen aktuell nicht in der Notlage sind, für Unterstützung beim Staat für unser Projekt zu werben, noch andere Bittstellungen als Thüringenpunx machen zu müssen. Festhalten lässt sich auf alle Fälle, dass „politisch“ und „unpolitisch“ bei beiden Verfechtern dieser Kategorien völlig falsch verstanden werden und Politik missverstanden wird. Es wird als eine Positionierung oder eben Nicht-Positionierung verstanden.

Nun stellt sich für uns zumindest die Frage, ob es sich bei der ganzen Geschichte lediglich um einen Streit um einen Begriff handelt? Also, ob der Bezug auf die Positionierung lediglich ein weiter gefasster Begriff ist als unser Begriff von Politik. Um das genauer zu beantworten, würden wir uns lieber auf etwas anderes beziehen und zwar auf den Begriff der „Antipolitik“. Anti-Politik löst sich eben genau dort von der Politik, wo nur versucht wird, innerhalb der Verhältnisse etwas zu ändern ohne ihre Überwindung anzustreben. Die Anti-Politik soll aufzeigen, dass es eine gewisse Notwendigkeit gibt, die herrschenden Verhältnisse zu überwinden und sie nicht mittels Bittstellungen und Forderungen zu legitimieren. Dass es sich auch hier nur um einen engeren Begriff von Politik handeln soll, ist genau so falsch, wie das voran geführte Beispiel. In einer in Leipzig geführten Debatte führt Martin D. folgendermaßen aus, warum „Anti-Politik“ eben nicht eine engere Form der „Politik“ ist: „Real wirkungsmächtig und Menschen zurichtend setzte sich die Politik in der menschlichen Gesellschaft mit dem Einzug des Kapitalismus durch und ordnet Menschen ihren Maßstäben unter. Dieser Siegeszug der Politik ist nicht denkbar ohne die brachiale Durchfolterung der Arbeit, ohne die auf Scheiterhaufen durchgesetzte bürgerlich-patriarchale Ordnung, ohne die brachiale Gewalt zweier Weltkriege, die die Menschen in den Schützengräben zu „freien“ und „gleichen“ Subjekten deformierte. Die Durchsetzung der Politik ist also ein vielhundertjähriger Prozeß oder vielmehr ein blutig-barbarischer Feldzug gegen die Menschen. Heute ist uns die Politik so in Fleisch und Blut übergegangen, daß es keine Anstrengung mehr kostet, Sätze zu sagen wie, „es gibt kein unpolitisches Leben“ ohne daß sich einer oder einem dabei spontan der Magen entleert.“[2] Politik, bzw. die damit einhergehende Legitimation der herrschenden Verhältnisse, ist somit auch ein Faktor, der das Leben des Einzelnen beeinflusst und das Handeln in gewisser Weise bestimmt. Die Anti-Politik zielt jedoch eben auf eine radikale Kritik an den Verhältnissen und somit auch an deren Legitimationsmechanismen, wie der „Politik“. Genau deshalb sehen wir Subkulturen, wie auch immer sie sich nennen, mit dem Ziel sich gegenüber der Gesellschaft kritisch zu verhalten und das Ziel haben, die kapitalistischen und entmenschlichenden Verhältnisse hin zu einer befreiten Gesellschaft zu überwinden, zwangsläufig als „antipolitisch“.

Punk muss gefährlich werden

Genau an diesem Punkt, um zu erklären was das ganze Gesülze über Politik, Antipolitik und unpolitisch sollte, kann auch eine sinnhafte Diskussion darüber geführt werden, ob es sinnvoll ist, von einer Grauzone zu reden oder eben nicht. Wenn man sich in der Subkultur des Punk usw. klar wird, dass es zum einen nicht nur um abgestumpftes Saufen und Feiern geht, sondern immer noch einen weiteren Punkt stark machen muss. Dieser Punkt wäre die Auseinandersetzung mit der Gesellschaft, in der wir nun einmal leben. Wenn es nur darum gehen soll, in einer Kneipe Bier zu trinken, Musik zu hören und sich über Fußball zu unterhalten, dann ist das eine Sache, macht für uns, obwohl wir eben Genanntes selbst gerne tun, noch lange nicht Punk aus. Wenn es bei Punk immer noch um mehr gehen soll als Musik und Saufen, dann sollte der erste Kritikpunkt nicht etwa die Kommerzialisierung des Punkrock sein. Punkrock war von Anfang an irgendwie immer auch mit Kommerz verbunden.

Die ersten Punkbands um die Sex Pistols und Ramones waren keine unkommerziellen Bands, die für Luft und Liebe spielten. So lange es den Kapitalismus gibt, wird es auch im Punkrock Kommerz, Ausbeutung und Unterdrückungsmechanismen geben. Die wichtigsten Bezugspunkte sollten weniger Symptome der kapitalistischen Gesellschaft sein, sondern vielmehr deren Ursachen. Genau da kommen wir auch an den Knackpunkt was für uns, wenn man es denn so will, eine Art Rahmen für das gibt, was „Punk“ ist. Das „Dagegen sein“, was sich leider nur noch allzu oft in einer „auf alles scheißen“-Attitüde niederschlägt, ist damit nicht gemeint. Die unversöhnliche Haltung gegenüber der Gesellschaft definiert sich nicht über Bier- oder Drogenkonsum, bunte Haare oder laute Musik, sondern über die Kritik an ihr. Bier und Drogen können helfen, sich eine Auszeit zu nehmen von den unmenschlichen Verhältnissen und mal abzuschalten, genau so wie es über Musik laufen kann, dennoch äußert man damit keine Kritik. Wenn es geschafft werden kann, in der Punkszene (oder anderen Subkulturen) zu erkennen, dass es einer grundlegenden Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus braucht, kann Punk auch wieder das werden, was so oft gefordert wird, und zwar „gefährlich“. Denn aktuell bieten Subkulturen wie Punk nichts auf, was diese Gesellschaft infrage stellen könnte, sondern bietet den Mailordern von NixGut, Impact bis hin zu Sozialarbeitern in Jugendclubs eine Arbeitsstelle, wenn überhaupt.[3]

Die radikale Kritik an der Gesellschaft sollte dazu dienen, zu erklären was Punk sein kann und wie sich Punk definiert. Denn für Tradition, Freundschaft, Musik und Zusammenhalt braucht es keinen Punk-, Skinhead- oder Hardcoreszenepathos. Es reicht der Gang zum nächsten Stammtisch in der Kneipe. Über den Anspruch diese Gesellschaft verstehen und damit auch kritisieren zu wollen, kann man es schaffen, den Blick darauf zu schärfen, mit Punk eine wirkliche kritische Subkultur aufzubauen und damit wegzukommen von Szenepathos, Modeerscheinungen und den Stammtischparolen. Eine Diskussion über Anti-Politik kann dafür einen Ansatz bieten wie auch die Diskussion über die sog. Grauzone. Denn wenn man begreift, warum es in dieser Welt so etwas wie Faschismus oder menschenverachtende Einstellungen wie Rassismus, Antisemitismus, Sexismus usw. gibt, die im Kapitalismus (re-)produziert werden, wird man erkennen, dass es sich bei „Krawallbrüdern“ und „Frei.Wild“ nicht um eine „Grauzone“ handelt, sondern eben um Bands, die dem eigenen Ziel, der befreiten Gesellschaft mit ihrem Männlichkeitsfetisch, Nationalismus und Verherrlichung von Gewalt und Unterdrückung grundlegend entgegen stehen. Selbst dann kann man verstehen, dass „Unity“ und Szenegelaber nur der selben Identifikation mit einem Kollektiv dienen und dieses Bedürfnis genau so gesellschaftlich hervorgerufen ist, wie die Identifikation mit dem Kollektiv der Nation oder des Staates.

Radikale Gesellschaftskritik statt diffuse Kampfbegriffe!

Doch um auf die eigentliche Frage zurück zu kommen. Was ist die Grauzone? Die Antwort auf diese Frage wird für viele unbefriedigend sein. In erster Linie ist die „Grauzone“ nichts weiter als ein Kampfbegriff, welcher aus der Not heraus entstand, sich einem Problem anzunähern, was mitunter sehr komplex ist und sich nicht einfach in „wir Guten“ und „die Bösen“ unterteilen lässt. Genau deshalb ist dieser Begriff auch gänzlich ungeeignet, um dem Problem der Kooperation von Subkultur und Neonazis sowie der Reproduktion menschenverachtender Einstellung Herr zu werden.

Der Kampf dafür, z.B. Nazis und Rassisten von Konzerten zu prügeln, ist durchaus sinnvoll, aber ein Kampf gegen Windmühlen. Statt der Symptome sollten die Ursachen angegangen werden und diese liegen in regressiven Tendenzen in der Subkultur an sich. Viele Beispiele haben wir im Text schon versucht anzureißen. So lange es in dem subkulturellen Bereich des Punk, Skinhead, Hardcore oder was auch immer keine kritische Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Verhältnissen gibt, so lange wird es auch weiterhin dazu kommen, dass Neonazis auf Konzerten Zutritt gewährt wird, Punks und Skins gemeinsam mit Nazischlägern einen saufen gehen und Sexismus und Homophobie auch weiterhin bei Konzerten und Festivals als Normalität angesehen werden.

An einigen Stellen wäre es wohl dennoch wichtig etwas genauer zu schauen und zu differenzieren. Im englischen gibt es für Punks und Skins (oder wer auch immer) die sowohl in eher links-alternativen und in Neonazikreisen abhängen den Begriff des ‚Fence Walker‘, also des Grenzgängers. Diesen finden wir hier sinnvoller als den eher diffusen Kampfbegriff der „Grauzone“. Denn sie sind einerseits Grenzgänger, indem sie auf der einen, wie anderen Seite so etwas wie „Freundschaft, Tradition und Werte“ suchen und andererseits die Grenze zwischen den Menschenfeinden auf der faschistischen Seite und deren Gegnern überschreiten. Doch auch hier wird deutlich, dass diese ‚Fence Walker‘ ebenfalls nur ein Symptom der unkritischen Subkultur sind.

Wenn Sexismus, Männlichkeitsfetisch und Rassismus in der Subkultur von Grund auf kritisiert und reflektiert werden können, kann zu großen Teilen der Nährboden für menschenverachtende Ideologien, zumindest in jener Subkultur, entzogen werden. Das kann jedoch nur über den Weg der Aufklärung erlangt werden und erfordert ein gewisses Maß an kritischem Bewusstsein und da würden wir die Hoffnung noch nicht aufgeben.

Jedenfalls ist die „diffus-unpolitische Grauzone“, wie es bei Oireszene heißt, kein hilfreicher Begriff. Dennoch existiert dort ein Bewusstsein dafür, dass etwas mächtig schief gegangen ist in den letzten Jahrzehnten und sich Subkulturen wie Punk, Skinhead, Metal, Hardcore usw. mehr zu einem unkritischen und somit ungefährlichen Haufen ausgefalleneren Modechics entwickelt hat. Ebenfalls, und das kann der erste Schritt für eine Auseinandersetzung sein, sollen Vertreter menschenverachtender Einstellungen in diversen Subkulturen nicht als „Grauzone“ gefasst werden, sondern genau als das benannt werden was sie sind. Sexisten, Rassisten, Nationalisten, Antisemiten und homophobe Vollidioten. Da ist nichts unklar oder „Grauzone“, sondern das Problem sollte benannt werden. Nur so kann eine Auseinandersetzung geführt werden.

[1] Oi the greyzone: https://oithegreyzone.wordpress.com/2008/11/07/was-ist-denn-eigentlich-die-gauzone/

[2] Vgl. http://www.conne-island.de/nf/90/15.html

[3] Besonders amüsant sind Vergleiche der Chaostage in den 80er Jahren und den „Chaostagen“ heute. Während vor einigen Jahren den Bullen noch vor Angst die Knie zitterten, Städte in Schutt und Asche lagen und die Bildzeitung Stoff für zwei Wochen Titelschlagzeile hatte, wird heute gemütlich am Fluss gegrillt, das eigene Selbstmitleid in 5,0 Dosenbier ertränkt und ab 22 Uhr brav die Musik auf Zimmerlautstärke herunter geregelt.