Interview mit dem „Proud to be Punk“ Magazine

Eigentlich war es ja immer so, dass wir fragen und andere antworten. In der Vergangenheit führten wir zahlreiche Interviews mit Bands, Einzelpersonen aus der Provinz und Initiativen. Das wollte Jan vom vom „Proud to be Punk“-Magazine nicht so stehen lassen und drehte den Spieß mit den Interviews mal einfach mal um und hat uns ein paar Fragen gestellt hat. Wer es bisher immer noch nicht geschafft hat, sich die Zeitschrift zu besorgen, kann das Interview nun auch hier bei uns auf dem Blog lesen.

Jan: Seid gegrüßt! Schön, dass ihr euch die Zeit nehmt, meine Fragen zu beantworten. Zu Beginn wäre es schön, wenn ihr euch und euren Blog erst einmal kurz vorstellen würdet. Worum handelt es sich bei Thüringenpunkt und wie seid ihr auf die Idee gekommen, einen eigenen Blog ins Leben zu rufen?

Hallo Jan, erst einmal vielen Dank für die Interviewanfrage. Sonst sind wir eigentlich die, die Fragen stellen. Deshalb freuen wir uns sehr auch mal interviewt zu werden. Das Projekt Thüringenpunk entstand im Frühjahr 2013. Angedacht war es zunächst einen Konzertkalender für die Region Thüringen zu erstellen. Diese Übersicht sollte es Punks und Linken ermöglichen eine Übersicht der angebotenen Konzerte und Veranstaltungen zu geben. Oft wusste man damals gar nicht, wo überall Konzerte stattfinden. In Thüringen ist man schließlich in der Provinz und es hängen nicht an jeder Ecke Plakate. Vor allem für Menschen, die nicht so sehr auf soziale Medien vertrauten, wollten wir eine Übersicht über die Veranstaltungen geben. Nach kurzer Zeit konnte festgestellt werden, dass das Projekt gut ankam und es wurde überlegt, mit welchen Inhalten der Blog erweitert werden kann. Kurz darauf kam die Ideen Bands zu interviewen und auch Konzertberichte zu veröffentlichen. Auch dachten wir zunächst an eine Art Kommunikationsplattform für Bands, Konzertveranstalter und alle die irgendwas mit Punk in Thüringen zutun haben.

Jan: Euer Blog dient u.a. als Terminkalender für Punk- wie auch Hardcore-Konzerte und Artverwandtes im Raum Thüringen. Inwiefern sichtet ihr die Konzerthinweise, die bei euch eingehen, um nicht Gefahr zu laufen, Veranstaltungen mit fragwürdigen Bands zu bewerben?

Konzerthinweise kommen leider nicht ganz so viele an. Meist sind es die selben Menschen, die unser Kontaktformular nutzen, um uns Konzerte zukommen zu lassen. An diese Personen erst einmal ein großes Dankeschön an dieser Stelle!
Das ist gar nicht so einfach, schließlich wollen wir keine Bands oder Konzerte bewerben, die irgendeine menschenverachtende Scheiße von sich geben und dumme sexistische Prolls sind. Da wir aber nicht jede Band, ihre Texte und Statements kennen müssen wir oftmals auf die vertrauen die Konzerte organisieren. Wenn die Crew, die seit Jahren korrekte Sachen macht, ein Konzert auf die Beine stellt, dann vertrauen wir den Leuten einfach, da wir wissen sie sind mit uns auf einer Wellenlänge. Natürlich klappt das nicht immer. Bei einigen Locations haben wir aufgehört Veranstaltungen zu bewerben, z.B. weil dort solche Idioten wie Trabireiter etc. aufgetreten sind, bei anderen bewerben wir einzelne Veranstaltungen nicht, da es meist Projekte sind, die nicht homogen sind. Wir hatten auch schon Konzerte beworben, bei denen wir ein paar Tage nach dem Eintrag im Kalender plötzlich Mails kamen, die uns aufgeklärt haben was das überhaupt ist. Das flog von der Seite und auf Facebook gab‘s ein kleines Statement warum das so ist. Solche Hinweise sind wichtig, Thüringenpunk lebt eben nicht nur von den pickeligen Admins am PC, sondern auch von den pickeligen Punx vor ihren Rechnern, die das als gemeinsames Projekt verstehen.

Jan: Schön war es immer, als es uns vor einigen Jahren hin und wieder ins Besetzte Haus nach Erfurt verschlagen hat, in dem viele geile Konzerte in angenehmer Atmosphäre stattgefunden haben. Tja, dank einer sehr martialisch abgelaufenen Räumung ist das Besetzte Haus mittlerweile leider Geschichte. Welche Konzertorte in Thüringen würdet ihr all denjenigen empfehlen, die es bislang noch nicht in dieses Bundesland verschlagen hat?

Ja, leider ist das Besetze Haus Erfurt seit 2009 Geschichte und somit ein wichtiger Ort für alternative Subkultur und Freiraum weggefallen. In Thüringen gibt es trotzdem noch ein paar Orte, wo es sich lohnt hinzugehen. Zu nennen sei hier die Gerberstraße 3 in Weimar, wo eigentlich regelmäßig richtig geile Konzerte veranstaltet werden. Empfehlenswert sind dazu auch die Leute von Trvefrykt-Booking, die in vielerlei Hinsicht geilen Scheiß für wenig Geld auf die Beine stellen und das fast jede Woche. Dazu sind das auch noch korrekte Leute. Diesen ganzen Metallkram verstehen wir zwar nicht, aber ihre Punk und Hardcore Sachen sind immer eine Reise wert! Auch im Juwel in Gotha finden nach den Bauwochen, bei denen wir übrigens mit einem Vorschlaghammer ein Wand einreisen durften, im vergangen Jahr wieder fette Konzerte statt. Ansonsten ist das „Rotzfrech“ in Gera noch ein Geheimtipp und wir würden jeden einen Ausflug nach Saalfeld in den Schloßberg 1 empfehlen. Bis vor kurzem hätten wir auch auch noch das „Grüne Haus“ in Suhl empfohlen. Es war eines der wenigen Projekte im südlichen Teil Thüringens, an denen regelmäßig Konzerte stattfanden. Nachdem sich der dortige Verein während einer Mitgliederversammlung für die Akzeptanz der so genannten „Grauzone“ ausgesprochen hat, ist das Projekt für uns Geschichte.

Jan: Was würden uns aber all die schönen Konzertlocations nützen, wenn es keine vernünftigen Bands gäbe, die die Wände dieser Räume auch mit Hilfe ihres Krachs ordentlich zum Wackeln bringen würden?! Welche Kapellen aus den Weiten Thüringens zählen hierbei zu euren Favoriten und warum?

So große Weiten gibt es hier gar nicht, aber eine durchaus überschaubare Szene. Große Sympathien von uns liegen weit im Westen. In Eisenach sind Bands wie Gloomster und Fleshhead Attack ziemliche Bretter, klare antifaschistische Linie und ordentlich Gedresche, dass finden wir generell gut! Definitiv empfehlen würde ich noch Kellerasseln aus Erfurt, wer sie noch nicht kennt sollte das dringend nachholen oder sich verpissen. Das gleiche gilt für AbstinenzX, ebenfalls aus Erfurt. Ich würde mich dabei soweit aus dem Fenster lehnen, dass man auf Dauer in Sachen Punk an den beiden Bands in Thüringen nicht vorbeikommen kann.
Ein Verhältnis haben wir auch mit den Sad Neutrino Bitches aus Jena, jetzt ist es quasi offiziell. ;-)

Jan: Laut eures Selbstverständnisses versteht ihr euch als „eine Art Fanzine“. Was macht für euch ein gutes Fanzine aus? Existieren eigentlich noch richtige Fanzines in Thüringen? Mir ist in dieser Hinsicht leider nichts bekannt…

Nein, es existieren keine weiteren Fanzine in Thüringen. Wir sind das einzig wahre Fanzine mit der Garantie die absolute Wahrheit inne zu haben! Spaß bei Seite. In Weimar ist noch das Trvefrykt-Zine, das im Juni 2015 das Licht der Welt erblickt hat. Bei den Leuten geht es aber mehr um Crust, Black-Metal, Doom usw. Sie haben binnen kürzester Zeit eine sehr umfangreiche Website erstellt, auf der die Leserschaft Reviews, Interviews und sämtliche andere News findet. Sonst fällt uns gerade wirklich keins weiter ein.

Jan: Im Rahmen eures Selbstverständnisses schreibt ihr u.a., dass ihr euch gezwungen seht, „zur Not auch mit vermeintlich Gleichgesinnten und überholten Traditionen auch innerhalb der Szene zu brechen“. Welche überholten Traditionen meint ihr hiermit und wie sollte eurer Ansicht nach der Bruch mit eben jenen vollzogen werden?

Wenn es im Punk mittlerweile eines zur Genüge gibt, dann sind das so genannte ‚Traditionen‘, irgendwelche ‚Werte‘ von ‚Zusammenhalt‘, bla bla… Das kann ja schön und gut sein, aber wird oftmals auch ekelig. Zum einen meinen wir damit, dass gerade der ‚Unity‘-Gedanke alle Widersprüche in der Szene überdeckt, wodurch eine Diskussion über das was man da gerade abzieht überhaupt erst möglich wäre. Als Beispiel wäre hierbei eine Diskussion um das AJZ Erfurt zu nennen. In einem Facebook-Post kritisierten wir kurz uns knapp, dass dort OHL auftreten und warum wir die Band scheiße finden. Dazu brachten wir noch an, dass es nicht das erste und auch nicht letzte Konzert mit schrecklichen Bands dort ist. Die Reaktionen waren, dass aus verschiedenen Richtungen nicht skandalisiert wurde, dass solche Bands dort spielen, sondern wie sich jemand erdreisten kann so etwas öffentlich zu kritisieren. Statt über einzelne Kritikpunkte zu streiten, sie von uns auch zurück zuweisen oder überhaupt erst mal Gedanken zu machen, rückte man zusammen denn man hatte ja den gemeinsamen Nestbeschmutzer als Feind. Leider war das dann auch bei Leuten der Fall, bei denen wir das nicht gedacht haben. Aber so kann ein Bruch eben auch funktionieren, indem wir kritisieren, was vermeintlich nicht kritisiert werden darf.

Jan: Unter dem Titel „Das Grauen mit der Grauzone – Ein Versuch“ ist auf eurem Blog wie auch in der sechsten Ausgabe von „Alerta Südthüringen“, einem Infoheft für antifaschistische Kritik und Aktion, ein ausführlicher Essay erschienen, der sich dem ebenso schwierigen wie wichtigen Thema der Grauzone annimmt. Was hat euch dazu bewogen, diesen Text zu verfassen? Zu welchem Ergebnis seid ihr bei eurem „Versuch“ gekommen? Und gab es bislang Reaktionen auf euren Text?

Das Thema Grauzone spielt innerhalb des Punk natürlich schon lange eine wichtige Rolle. Des Weiteren sind schon zahlreiche Texte und Diskussionen zum Thema erschienen, die sich mit der Thematik befassen. Der Ausschlagpunkt für uns war dann die ganze Sache, die sich im ‚Grünen Haus‘ in Suhl‘ zugetragen hat, als ein bekennender Neonazis auf einem dortigen Soli-Konzert anwesend war und die Situation am Abend zugunsten des Neonazis entwickelte. In Folge der teils gewalttätigen Auseinandersetzung wurde im dortigen Projekt das Thema ‚Grauzone‘ aufgegriffen und mehrfach diskutiert. Hierbei wollten wir intervenieren und uns selbst der Thematik etwas annähren. Der Text wurde dann auch in einen Vortrag verpackt, den wir vor unserem Geburtstagkonzert hielten.
Die Reaktionen, auf den Text jetzt bezogen, hielten sich in Grenzen. Hier und da wurde unser Text geteilt, aber eine richtige Reaktion haben wir bisher nicht bekommen. Vielleicht liegt es auch daran, dass der Text eigentlich mehr Fragen aufwirft, als er beantwortet.

Jan: In dem bereits erwähnten Essay „Das Grauen mit der Grauzone – Ein Versuch“ bezeichnet ihr euch selbst als „nicht politisch“, was im ersten Moment verwirrend erscheinen mag. Stattdessen bezieht ihr euch auf den Begriff der „Antipolitik“. Könnt ihr erklären, worin der Unterschied zwischen den beiden Begrifflichkeiten besteht und warum ihr euch als „antipolitisch“ seht?

Es ist schwer seitenweise unseres Textes schlüssig herunter zu brechen, aber versuchen wir es mal. Als ‚Antipolitk‘ verstehen wir in dem Sinne, dass was außerhalb von staatlichen Institutionen, Parteien oder ähnlichen elendsverwaltenden staatlich getragenen Reformgruppen geleistet wird. Dementsprechend ist ‚Politik‘ auch immer etwas, dass vom Staat ausgeht und ihn versucht zu reformieren, um die herrschenden Verhältnisse zu reproduzieren. Das kann auch im Bezug auf den Staat bestehen z.B. als Form der Bittstellung an den Staat, wenn eine Bürgerinitiative eine Petition startet etc.. Genau von diesem Geklüngel mit dem Staat und seinen Handlangern wollen wir eben keine ‚Politik‘ machen, sondern wollen dem etwas entgegensetzen. ‚Anti-Politik‘ löst sich eben genau dort von der Politik, wo nur versucht wird, innerhalb der Verhältnisse etwas zu ändern ohne ihre Überwindung anzustreben. Die ‚Anti-Politik‘ soll aufzeigen, dass es eine gewisse Notwendigkeit gibt, die herrschenden Verhältnisse zu überwinden und sie nicht mittels Bittstellungen und Forderungen zu legitimieren. Dass es sich auch hier nur um einen engeren Begriff von Politik handeln soll, ist genau so falsch.

Jan: Weitergehend fordert ihr in dem bereits angesprochenen Text, dass „Punk (…) wieder gefährlich werden“ müsse – eine Forderung, die ich voll und ganz unterstütze. Aber wie können wir es schaffen, genau diese Forderung auch in die Tat umzusetzen?

Indem man sich erst mal klar machen was Punk sein soll. Ob es darum geht sich nur zu besaufen und seine Meinung aus stumpfen Punktexten zu übernehmen; oder ob es darum geht seiner Wut über die gesellschaftlichen Verhältnisse ein Ventil zu geben, weil man merkt, dass man tagtäglich fertiggemacht wird. Das klingt platt, und das ist es auch, aber auch das gehört dazu. Aus dem Bewusstsein kann sich dann auch ableiten was Punk wieder gefährlich macht. Dazu gehört eine kritische Auseinandersetzung mit sich und der Gesellschaft, die über Stammtischgelaber weit hinaus gehen muss. Dazu gehört auch eine Organisierung. Was es konkret bedeutet, ist schwer zu sagen und wird sich zeigen sobald erst einmal der erste Schritt geschafft ist, aber auch davon sind wir noch meilenweit entfernt.

Jan: Laut Medienberichten gilt Thüringen als regelrechte Wohlfühlzone für Neonazis – und das schon seit Jahrzehnten, wie beispielsweise die Kameradschaft „Thüringer Heimatschutz“ belegt. So zählt Thüringen zu jenen Bundesländern, in denen vergleichsweise die meisten Neonazikonzerte stattfinden. Wie gefährlich schätzt ihr die Neonazi-Szene und die von ihr ausgehenden Aktivitäten ein? Sind hierbei bestimmte Tendenzen festzustellen?

Das ist richtig. In Thüringen gab es im Jahr 2016 etwa 50 Neonazikonzerte. Das sind zumindest die, die bekannt geworden sind. Die Konzerte dienen allen voran der Vernetzung, Verfestigung bestehender Strukturen und Beschaffung von Geldern. Vor allem in Kirchheim und Kloster Veßra finden die meisten der Konzerte statt. Die Gelder werden beispielsweise für die Beschaffung von Immobilien oder Finanzierung von Gerichtsverfahren und Anwälten genutzt. Im Februar 2014 wurde beispielsweise eine Kirmesgesellschaft in Ballstädt überfallen und zahlreiche Menschen verletzt. Aktuell stehen deswegen 14 Neonazis vor Gericht. Hierfür sammelt die rechte Szene , vor allem durch Konzerte in Kirchheim, schon länger Geld. Durch Beschaffung von Häusern ist es ihnen möglich sich immer weiter auszubreiten und eine Art „No-Go-Areas“ zu errichten, in denen es dann schwer fällt eine alternative Subkultur zu entfalten bzw. aufrecht zu erhalten.

Jan: Vielen Dank für eure Antworten. Möchtet ihr abschließend noch etwas sagen?

Klaro, so ein Angebot lassen wir uns nicht entgehen! Wenn uns schon mal jemand interviewt, dann wollen wir auch mal Leute grüßen. Propz gehen raus an: Antifa Suhl/ZM & Arnstadt-Ilmenau als die coolsten Antifas im Großraum Deutschlands, Radical Print als mächtigste Siebdruckmogule im Land, Critical Crisis Concerts aus Jena – irgendwann machen wir bei euch mal Konzertbericht… versprochen!, Grrr & die Rotze in der Wildnis von Gera, Lion Crew – es ist uns jedes Mal ein Fest, SB1 in Saalfeld – auch wenn ihr uns nie auf Mails antwortet ihr Penner!, Open-Air Bitte Sehr – Festival was ihr nicht verpassen solltet, Trvefrykt aus Weimar – wir wissen immer noch nicht wie man euch richtig ausspricht, aber geile Konzerte, Gloomster, SchnapstinenzX, Sad Neutrino Bitches, Human-T-Error, die Garage in Langewiesen, Gülleschiss, Haddocks, Reckless Fight, Southside Kollektiv – geile Fotos, aber wer Clueso hört…, Rote Zora und Markus aus Altenburg und natürlich alle Leute, die wir hier nicht persönlich nennen können, die uns unterstützen, feiern und uns Bier ausschenken oder uns auch zu Konzerten mitnehmen. Auch wenn wir es nie zeigen: Wir finden euch eigentlich alle ganz ok. Cheers!


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